Früher war ein Geschäftsbericht für mich wie ein Roman ohne Inhaltsverzeichnis.
Spannend, wichtig, aber mühsam zu navigieren, wenn es um Going-Concern-Hinweise ging.
Ich blätterte, markierte, schrieb Randnotizen, doch am Ende blieben die entscheidenden
Sätze irgendwo zwischen Papierstapeln und Dateien hängen. Heute schaue ich auf ein
Datenschema. Dasselbe Dokument, dieselben Sätze – aber in Feldern organisiert, mit
klaren Beziehungen und Zeitbezug. Aus der Textwüste wird eine Karte, auf der ich Pfade
erkennen kann: von der Formulierung im Anhang bis zur internen Ampel im Research-Tool.
Die Brücke zwischen diesen Welten schlägt ein KI-gestützter Strukturierungsprozess. Er
beginnt beim rohen Text und endet bei einem konsistenten Datenmodell, das Analysten,
Risk und Accounting gemeinsam nutzen können. Genau diesen Weg möchte ich hier
entlanggehen: vom unstrukturierten Hinweis zur belastbaren Datenstruktur, die nicht mehr
in Fußnoten verschwindet, sondern in Entscheidungen einfließt.
Vom Fragekatalog zum Datenschema
Am Anfang steht für mich immer ein nüchterner Blick: Welche Fragen soll das
Datenschema eigentlich beantworten? Ohne diese Klarheit wird jede Strukturierung
zum Selbstzweck. In der Praxis kreisen die Kernfragen oft um drei Achsen: Wie
deutlich ist der Hinweis, worauf bezieht er sich, und wie verändert er sich über
die Zeit. Aus diesen Achsen baue ich ein Grundgerüst. Jede Going-Concern-Passage
erhält Felder wie Dokumenttyp, Abschnitt, Berichtsperiode und Quelle im Bericht.
Dazu kommen Kategorien für die Art des Hinweises, etwa neutrale Bestätigung der
Fortführungsannahme, erhöhte Unsicherheit oder explizite Warnsignale. Parallel
erfasse ich Auslösergruppen wie Liquidität, Geschäftsmodell, rechtliche Risiken
oder Marktumfeld. Dieses Grundschema ist bewusst knapp gehalten. Es soll nicht
jedes Detail der Realität abbilden, sondern ein stabiles Rückgrat bieten. Auf
dieser Basis kann ich später verfeinern: zusätzliche Felder für Tonalität,
Verweise auf Kennzahlen oder Links zu internen Memos. Wichtig ist, dass das
Modell für Kredit- und Equity-Research gleichermaßen lesbar bleibt und sich in
bestehende Tools integrieren lässt.
Freitext in Felder überführen – ohne den Kern zu verlieren
Sobald das Grundgerüst steht, beginnt die eigentliche Kunst: Freitext muss in
diese Struktur überführt werden, ohne seine Nuancen zu verlieren. Hier kommt KI
ins Spiel – nicht als Orakel, sondern als disziplinierte Sortierhilfe. Der
Prozess läuft in mehreren Schritten. Zuerst markiert ein Sprachmodell relevante
Textpassagen und ordnet sie vorläufigen Kategorien zu. Dann werden aus diesen
Passagen konkrete Felder befüllt: Welche Unsicherheitsart liegt vor, welche
Auslöser werden genannt, wie konkret sind die beschriebenen Maßnahmen.
Gleichzeitig erzeugt das System Metadaten wie Wortlänge, Konkretheitsgrad und
Verweise auf andere Abschnitte im Bericht. Ich lasse diese Rohstruktur nie
ungeprüft. Stattdessen nutze ich sie als Startpunkt für eine manuelle
Stichprobe. In einem internen Review-Raster vergleiche ich Modellzuweisungen mit
meiner eigenen Einschätzung. Wo die Abweichungen systematisch sind, passe ich
das Schema oder die Klassifikationslogik an. So entsteht Schritt für Schritt
eine Struktur, die nicht nur technisch sauber, sondern auch fachlich tragfähig
ist. Ergebnisse können sich unterscheiden – und genau diese Unterschiede nutze
ich, um das Modell zu schärfen.
Struktur in den Research-Alltag bringen
Ein Datenschema bleibt Theorie, solange es nicht in den Alltag wandert. Für
Research-Teams zählt, wie gut sich strukturierte Going-Concern-Hinweise in
bestehende Abläufe einfügen. Deshalb denke ich bei jeder neuen Struktur sofort
an ihre Landungspunkte: Dashboards, Notizfelder, interne Ratingprozesse. In der
Praxis hat sich für mich ein dreiteiliger Ansatz bewährt. Erstens ein kompaktes
Übersichts-Widget, das pro Unternehmen die Anzahl und Art der Hinweise zeigt –
sortierbar nach Periode und Auslösergruppe. Zweitens eine Detailansicht, in der
jede Passage mit Originaltext, Kategorie, Tonalität und Link zur Fundstelle im
Bericht angezeigt wird. Drittens ein Exportformat, das sich in interne Memos und
Risikoübersichten einbinden lässt. So wird aus der abstrakten Datenstruktur ein
Arbeitswerkzeug. Analysten können Muster über Zeit erkennen, Peer-Vergleiche
anstellen und trotzdem jederzeit zum Originaltext zurückspringen. Dabei bleibt
ein Punkt unverrückbar: Die KI liefert strukturierte Signale, aber keine
abschließenden Urteile. Past performance doesn't guarantee future results,
und kein Datenschema nimmt jemandem die Verantwortung ab, diese Signale kritisch
zu hinterfragen.